Dienstag, 30. September 2014

Stell dir vor, es ist Championsleague, und keiner geht hin


VON STEFAN MATERN:



Der rasende Reporter Christian "Orti" Ortlepp malte das Horrorszenario in den dunkelsten Farben: "Schock" nach Feuer im Mannschaftshotel, "Horrorreise" und "Kreml", das Wort das Ortleb nicht unbedingt immer sinnvoll in seinem Satzbau zu platzieren vermache, das Wort das Ortleb gerne mit sehr gedehntem E ausspricht, sodass es eher wie "Kreeeeeeeeeml" klingt und an einen Schokoriegel mit goldbrauner Füllung erinnert. 

„Tatsächlich“ war im Mannschaftshotel des FC Bayern am Sonntagabend Feuer ausgebrochen und die gesamte Mannschaft samt Betreuer musste das Ritz Carlton, einen Luxusschuppen im Zentrum Moskaus, räumen. „Der“ deutsche Sportsender Sport 1, der tagsüber gerne anstatt Sport lieber dicke Amerikaner mit tätowierten Oberarmen zeigt, die aus irgendwelchen Garagen irgendwelche Dinge ersteigern (ohne vorher zu wissen was sie für ihre Gebote erhalten werden) nur um dann wenig später nach der Öffnung des Garagentors enthusiastisch auszurasten, wie es früher die Kandidaten bei Oliver Geissen vor dem Liebestor taten; ja, jener Sender untermalte den von Orti prognostizierten Untergang der bayerischen Mia-San-Mia-Wohlfühloase mit Schreckensbildern. 
Zu sehen waren Spieler des Rekordmeisters, eingehüllt in Handtüchern und vor dem Hotel kauernd, nicht wissend was passieren und wie es weitergehen würde. Tatsächlich nutzte Sport 1 zunächst nur die unmittelbar nach der Flucht aus dem Hotel getätigten Aufnahmen, die Spieler fanden sich alsbald in einem noblen Restaurant um die Ecke ein und verbrachten einen gemütlichen Teamabend in gesitteter Atmosphäre. 
Willkommen im Märchenwald des Qualitätsjournalismus. Ein Schelm, wer böses denkt und dem Moskauer Club unterstellt, er würde mit allen Mitteln arbeiten. Auch ein Schelm, wer sich an Breno erinnert fühlt, denn man soll ja kein Feuer legen, das man nicht löschen kann. Manuel Neuer jedenfalls kommentierte den Vorfall auf seine Art, er fühlte sich „an alte Schulhofzeiten erinnert“. Doch all die Aufregung und auch all die Witze waren im Endeffekt nur Schall und Rauch, meldete doch die Moskauer Tageszeitung Kommersant unter Berufung auf Hotelmitarbeiter, dass es sich um einen falschen Bombenalarm gehandelt habe. Dennoch darf natürlich konstatiert werden, dass die ohnehin schon schwierige Russlandreise durch diesen Vorfall nicht unbedingt angenehmer geworden ist. 

Die Auswärtsfahrt des FC Bayern München zum Championsleague-Spiel gegen ZSKA Moskau ist nämlich auf mehrere Arten speziell. Zunächst einmal tun sich westliche Mannschaften immer schwer, wenn es für sie in die ferneren östlichen Länder geht. Oft wird auf Kunstrasen gespielt, die Temperaturen sind kalt, die Anstoßzeiten ungewohnt und die russischen Teams haben auch gerne eine zerstörerische und unangenehme Spielweise an sich, die einem ballbesitzorientierten Team wie dem FC Bayern die Laune gehörig verderben kann. Das alles ist jedoch nichts, was Profisportler nicht kennen.

Was dem gemeinen Fußballfan, und auch dem gemeinen Profi sicher nicht unbedingt schmecken wird, ist die gespenstische Stille die sich in der Arena Khimki, in die das Spiel von der UEFA verlegt worden war, sollte es doch zunächst im Stadion des Lokalrivalen Lokomotive Moskau stattfinden, ausdehnen wird. Die UEFA hatte den russischen Club aufgrund des wiederholt rassistischen Verhaltens seiner Fans mit diesem Fan-Ausschluss bestraft, das Spiel wird also, wie einst das Spiel des VfB Stuttgart im Achtelfinal-Rückspiel der Europa-League gegen Lazio Rom, vor leeren Rängen stattfinden.
Dass die UEFA damit nicht nur, zurecht, die Moskauer Fans bestraft, sondern auch den Anhängern des FC Bayern schadet, interessierte die Entourage um Michel Platini nicht sonderlich. Weder die Protestaktionen im CL-Spiel gegen Manchester City noch der offene Brief an die UEFA hatte die alten Herren zu einem Umdenken bewegen können. Verständlich, bedenkt man die senile, herrische und teils fast schon komische Art und Weise mit der Platini durch die große Fußballwelt stolpert, grade so, als hätte er vergessen wie galant und geschmeidig er einst über die Rasen dieser Welt geschwebt war. 

Doch die Entscheidung steht nun und es bleibt zu hoffen, dass sich einerseits die beiden Teams davon nicht beirren lassen und ein tolles Fußballspiel zeigen, und andererseits, dass sich das hartnäckig haltende Gerücht, der Gastgeber wolle über Lautsprecher für Stadionatmosphäre sorgen, nicht bewahrheitet. Es wäre zu traurig, dürften unsere Ohren nicht dem herrlichen Deutsch, Spanisch oder wahlweise Englisch  Pep Guardiolas über die Außenmikrofone lauschen, mit dem er seinen Spielern die Anweisungen derart intensiv, euphorisch und alphatiermäßig in die Ohren brüllt, dass Matthias Sammer auf der Ersatzbank  verschüchtert zu Boden guckt, nur um sich dann im nächsten Interview wieder in verschachtelten Sätzen zu verstricken und das Wort „Konstellation“ möglichst inflationär zu benutzen. 
Doch auch damit könnten wir alle noch leben. Unser Horrorszenario, das man malen kann, ohne auf Orti zurückzugreifen, ist eben Folgendes. Gibt es zu den unsäglichen Kommentatoren um den opportunistischen Marcel Reif und seinem jüngeren Pendant Wolff Fuß, bei dem in jedem Spiel mindestens einmal ein „lucky punch“ gesetzt wird, nicht mehr die Alternative auf Stadionatmosphäre umzuschalten, weil es eben keine Atmosphäre gibt, ja, dann ist der Abend, ob mit oder ohne Schokoriegel mit goldbrauner Füllung, endgültig gelaufen.



Freitag, 26. September 2014

Tim Wiese - Vom Bankdrücker zum Bankdrücker

VON STEFAN MATERN:

Die faszinierende Geschichte eines talentierten Torwarts, Nationalspielers und am Ende vielleicht sogar professionellen Wrestlers: Ein zu Papier gebrachter Roadtrip von „die Null muss stehen“, über die Ersatzbank und Tribüne, bis zu „breit gebaut, braun gebrannt, 100 Kilo Hantelbank“.

Alles begann vor rund 25 Jahren bei seinem Jugendverein DJK Dürscheid, Wiese war anno 1987 noch ein Stürmer, den Weg ins Tor fand er nur aufgrund von Achillessehnenproblemen in der Jugend von Bayer 04 Leverkusen. Er überstand zwei Kreuzbandrisse, einen beim 1. FC Kaiserslautern und einen gleich nach seinem Wechsel zum SV Werder Bremen, er lernte was es heißt zu leiden, zu beißen und sich wieder heranzukämpfen. Die Zeit an der Weser war auch seine erfolgreichste Zeit, er gewann 2009 den DFB Pokal und stand im gleichen Jahr im UEFA Pokal Finale, war bei der WM 2010 Ersatztorhüter der Nationalmannschaft hinter Manuel Neuer.  Selbst zur EM 2012 reiste Wiese noch mit.

Das ist nun zwei Jahre, geschätzte 728 Fitnessstudio-Besuche, doppelt so viele Proteinshakes und einige Solariumsbesuche her und der gemeine Fußballfan erkennt den einstigen Weltklassetorhüter kaum wieder. Nach seiner Ausbootung bei der TSG Hoffenheim, bei der er unter Markus Babbel zunächst Fuß fassen konnte, sich nach schlechten Leistungen aber auf der Bank wieder fand, und weder unter Marko Kurz noch unter Markus Gisdol seinen Weg zurück ins Tor fand, begann Wiese sich ein neues Hobby zuzulegen. „Scheinbar macht es ihm viel Spaß jeden Tag ins Gym zu gehen[...], ich frag mich nur, ist das so der Traumkörper den wir alle anstreben?“ kommentierte Torwartlegende Oliver Kahn die Entwicklung seines einstigen Kollegen.
Bald jedoch könnten wir nicht mehr von Tim Wiese sprechen, sondern vom „Dynamic Muscle Mountain“ (wie der deutsche Wrestler „Bam“ in einem Interview mit 11 Freunde vorschlug), der zwar keine Freistöße mehr aus den Ecken kratzt, dafür aber einen seiner künftigen Kollegen (?) mit dem „Death Valley Driver finished“, wie es im Fachjargon heißt. Tim Wiese tauschte die Ersatzbank gegen die Hantelbank und vielleicht auch bald sein pinkes Torwarttrikot gegen, vornehmlich pinke, long-tights aus Elastan.

Damit könnte er sich in eine illustre Runde ehemaliger Fußballprofis mit neuen, anderen und vornehmlich ungewöhnlichen Jobs einreihen. Neben eher positiven Beispielen, wie dem ehemaligen Profi Hans-Josef Kapellmann, der für den 1. FC Köln und Bayern München spielte, nach seiner aktiven Zeit promovierte und als Facharzt für Unfallchirurgie arbeitete, gibt es eben auch jene Profis, deren Berufe nach der Zeit als Fußballprofi, gelinde gesagt, skurril anmuten. Als Beispiel sei hier Jonathan de Falco erwähnt, ein ehemaliger Profi der zweiten belgischen Liga, der sich 2011 unter dem Pseudonym „Stany Falcone“ den HustlaBall-Award in der Kategorie „Bester Newcomer EU“ sicherte. Als Pornodarsteller.

Wiese jedenfalls sieht „keinen Grund das Angebot nicht gründlich zu prüfen.“ Verständlich, bedenkt man, dass die WWE die bekannteste und kommerziell erfolgreichste Wrestling Liga ist und Wieses Aussichten auf einen Torwart-Job durch die spielfreie Zeit und die angehäuften Muskelberge eher gering einzuschätzen sind. Dennoch stellt sich jedem Fußballfan die Frage nach dem Warum. Warum die zahllosen Ausflüge ins Fitnessstudio, warum nicht einfach nur fit halten und irgendwann wieder zurück in den Profi-Fußball finden? Die Antwort auf diese Frage bleibt wohl für immer hinter Tonnen Whey-Protein, Kreatin, Haarwachs ("Ich benutze kein Gel, sondern Wachs, um das mal klarzustellen") und der euphemistisch gesagt, braun melierten Haut des einstigen sicheren Rückhalts verborgen.
Dass Wiese schon Vorerfahrung im Wrestling hat, könnte ihm in Zukunft natürlich zu Gute kommen. 2008 rammte er in guter alter Oliver-Kahn-Kung-Fu-Manier Ivica Olic die Stollen derart in den Hals, dass erfahrene Wrestling Experten vom „Big Boot“ sprechen würden und man sich durchaus fragen darf, warum Wiese das Interesse der WWE nicht schon früher auf sich ziehen konnte.

Es bleibt festzuhalten, dass Wiese beim Show-Kampf im Ring physisch sehr viel einstecken müsste, doch auch die psychischen Folgen, wie das jetzt schon hallende Medienecho, dürften ihm das Leben nicht gerade einfacher machen. Doch seien wir ehrlich, auch der Job zwischen den Pfosten wird zusehends gefährlicher. Angesichts des Vorfalls der sich vergangenes Wochenende in der vierten Schweizer Liga ereignete, Fans hatten in die Trinkflasche des gegnerischen Torwarts uriniert, ist Wieses potentielle Entscheidung für die WWE dann vielleicht doch noch zu verstehen. Viel Glück wünschen wir ihm allemal. Falls der Ausflug ins Wrestling-Geschäft doch nicht klappen sollte, gäbe es durchaus noch andere Möglichkeiten im Profisport zu bleiben. Bei einem gewissen Verein im Norden soll wohl bald wieder ein Job frei sein, gesucht wird dort ein Fußballlehrer, Erfahrung erwünscht aber nicht notwendig. Ob sich Wiese das als Ex-Werderaner jedoch antuen würde, bleibt abzuwarten.

Das Gesicht des Misserfolgs - Danke für nichts, Fredi Bobic?



VON JEREMIAS RENNER

Wenn man das große Ganze betrachtet, ist die Entlassung von Fredi Bobic beim VfB Stuttgart eine absolut konsequente, logische und dringend notwendige Entscheidung. 
Nach der erfolgreichen Ära von Horst Heldt, die die Glanzlichter Meisterschaft 2007 und Champions-League-Qualifikation 2009 aufzuweisen hat, wurde Fredi Bobic im Sommer 2010 auf den Stuhl des Managers berufen. Seitdem konnte der Verein nie wieder den hohen Erwartungen gerecht werden, die letzlich auf diese erfolgreiche Zeit zurückzuführen sind. Seit Bobic am Ruder war, hat der VfB es geschafft, sich von einer Mannschaft, die stets in der oberen Tabellenhälfte zu finden war und immer um die internationalen Plätze mitgespielt hat (Platzierungen 2002-2010: 8, 2, 4, 5, 9, 1, 6, 3, 6), zu einer grauen Maus zu mausern, die immer aufpassen muss, nicht in den Abstiegskampf zu rutschen (Platzierungen 2011-2014: 12, 6, 12, 15). So hart das klingt für den erfolgsverwöhnten VfB-Fan der 2000er Jahre, der sechste Platz 2012, als Winterzugang Vedad Ibisevic die Cannstatter Jungs quasi im Alleingang nach Europa schoss, war bei Licht betrachtet eher ein Ausreißer nach oben.

Nun kann man einen Manager natürlich nicht nur an Tabellenplätzen messen. Fredi Bobic hatte gleich von Anfang an richtig miese Bedingungen vorgefunden, die ihm sein Vorgänger Horst Heldt freundlicherweise überlassen hatte, als er dem Ruf des Geldes erlag und nach Schalke ging. Oder flüchtete, auch das scheint im Rückblick eine passende Vokabel zu sein. Gut möglich, dass Heldt ahnte, was da auf ihn zugekommen wäre. Denn nach den dicken Jahren, unter anderem mit der Champions League 2009/10, saßen einige Spieler auf fetten Gehältern, die der VfB nur im Falle erneuter Teilnahmen hätte stemmen können, ohne ordentlich zu bluten. Ein Mario Gomez war schon 2009 zum FC Bayern abgewandert, Sami Khedira folgte nach der WM 2010 und ging nach Madrid.

Der VfB hatte die beiden prägendsten Figuren der Vorjahre verloren, zwei, mit denen man unter anderem die Meisterschaft 2007 verband. Ihre Ablösesummen von insgesamt knapp 50 Millionen Euro waren da nur ein schwacher Trost, schließlich flossen sie auch zu großen Teilen in den Stadionumbau, der bis zur Neueröffnung der Mercedes-Benz-Arena 2011 Unsummen verschlang. Hätte man trotzdem mehr wagen müssen, und das Geld in Stars reinvestieren? Schwer einzuschätzen für einen jungen, unerfahrenen Manager wie Bobic, und vor allem schwer durchzubringen gegen Autoritäten wie Finanzchef Ulrich Ruf, der, wie die Stuttgarter Zeitung jüngst süffisant kommentierte, seit „gefühlt kurz nach dem Krieg“ in der Mercedesstraße über das Vereins-„Kässle“ wacht.


Bobics erste Saison war eine, die man nicht einmal seinem schlimmsten Managerfeind auf den Leib wünschen will. Aufgrund des immer deutlicher Richtung Abstiegsränge zeigenden Schlingerkurses sah er sich gezwungen, Trainerfuchs Christian Gross noch während der Hinrunde 2010/11 entlassen, eine Entscheidung, die viele Fans an die wohl ebenfalls vorschnelle Entscheidung gegen Meistertrainer Armin Veh in der Hinrunde 2008/09 erinnerte. Was dann kam, gab vielen Recht in ihrer Meinung: Auch der bis dahin als Jugendtrainer arbeitende, unerfahrene Jens Keller konnte der Mannschaft kein neues Leben einhauchen, bekam aber auch keine Zeit. Nach nur neun Bundesligaspielen war der Geduldsfaden schon wieder gerissen und man holte in Bruno Labbadia einen Trainer, der bei seinen vorherigen Stationen Hamburg und Leverkusen jeweils zwar gute Ansätze gezeigt hatte, aber auch keinen langfristigen Erfolg gehabt hatte. Und das direkt vor zwei Spielen gegen den FC Bayern München: Im DFB-Pokal und in der Liga hagelte es mit 3:5 und 3:6 zwei deutliche Niederlagen. Dann ging es in die Winterpause, und die Wettanbieter hatten den VfB auf der Abstiegskandidatenliste ganz weit oben, doch irgendwie schaffte Labbadia es, das rettende Ufer zu erreichen. Eine erste Saison, wie sie symptomatischer für die Ära Bobic nicht hätte sein können.


Ebenfalls symptomatisch für seine gesamte Amtszeit war Bobics erster Transfersommer 2010. Neben Khedira gingen andere Größen wie Alex Hleb, Jens Lehmann, Roberto Hilbert und Ricardo Osorio. Bobic holte in Johan Audel und Philipp Degen zwei absolute Voll-Flops und tätigte mit der Verpflichtung von Mauro Camoranesi einen sogenannten „Königstransfer“, für den er von allen Seiten nur Kopfschütteln erntete. Der in die Jahre gekommene Italiener hatte für die vielen Millionen Gehalt außer seinem klangvollen Namen inklusive dem Prädikat „Weltmeister“ und einer roten Karte wegen einer Notbremse leider nicht mehr viel zu bieten. Zudem holte Bobic in jenem Sommer in Martin Harnik und Christian Gentner zwei Spieler, die sich durchsetzen konnten und inzwischen zu Führungsspielern gereift sind, die aber auch mit die prominentesten Gesichter der erfolglosen Mannschaft der 2010er Jahre sind.


Man kann ja nicht einmal sagen, dass Bobic auf dem Transfermarkt alles falsch gemacht hat. Neben einigen weiteren Flops wie Tim Hoogland, Tunay Torun, Mo Abdellaoue und Sercan Sararer (die letzteren zumindest bisher) waren doch auch einige Glücksgriffe dabei: Alexandru Maxim, Carlos Gruezo, Vedad Ibisevic oder William Kvist, Tamas Hajnal und Ibrahima Traoré konnten der Mannschaft nach ihrer Verpflichtung sofort weiterhelfen. Auch die Vertragsverlängerung mit Timo Werner muss Bobic als Verdienst angerechnet werden.


Dennoch: Trainer kamen und gingen, Bobic blieb, und mit ihm der Misserfolg. Dass all die Jahre irgendetwas ganz gehörig schief gelaufen sein muss am Cannstatter Wasen, das zeigt allein ein Blick auf die aktuelle Torschützenliste der Bundesliga. Da tummeln sich auf den Plätzen eins und zwei Stürmer wie Shinji Okazaki und Julian Schieber. Mit zusammen acht Toren nach fünf Spielen – gefühlt sind das mehr, als sie in all ihrer Zeit beim VfB geschossen haben. Das sind nur zwei der Spieler, die in den letzten Jahren regelmäßig als zu schlecht für die Startelf der Roten befunden und dann verkauft wurden. Weitere Beispiele aus dieser Kategorie gefällig? Ermin Bicakcic. Bernd Leno. Sebastian Rudy, der am Wochenende das 0:1 für Hoffenheim in der Mercedes-Benz-Arena vorbereitete.


Lag es an der Luft in Bad Cannstatt, dass jemand wie Shinji Okazaki jahrelang hinter den Erwartungen zurückblieb, um dann in Mainz auf Anhieb einzuschlagen? Liegt es am schwäbischen Essen? Oder liegt es vielleicht am Sportvorstand?


Für die Fans war die Antwort schon lange klar. Nun hat der Vorstand mit Bobics Entlassung die selbe Antwort gegeben. Unter dem Druck des Commando Cannstatt, das Bobic vor Wochenfrist öffentlich an den Pranger stellte und schon lange versuchte, ihn zum Sündenbock zu machen? Unter dem Druck des miserablen Saisonstarts? Fest steht, der Zeitpunkt der Entlassung ist mehr als unglücklich. Doch Bobic war nicht mehr tragbar. Er ist das Gesicht des Misserfolgs und des Schönredens der letzten Jahre. Er hat alles gegeben, aber wenig erreicht. Danke für nichts also? Bobic hat vier Jahre lang die Knochen für den VfB hingehalten, als es nicht lief. Am Ende war er vielleicht der falsche Mann. Dafür kann er natürlich nichts. Und dass er nicht allein an allem Schuld war, wird sich zeigen, wenn ein neuer Mann kommt, und die alten Probleme bleiben. Sollte es jenem neuen Mann, ob er nun Lehmann, Rangnick oder Mustermann heißen wird, aber doch gelingen, gemeinsam mit Armin Veh aus der von Bobic zusammengestellten Mannschaft das rauszuholen, was sie eigentlich kann (so ähnlich wie in Dortmund), wird sich bei Bobic sicher niemand bedanken. Wundern wird ihn das nicht, denn wenn er eines gelernt hat beim VfB, dann jenes: Undank ist der Welt Lohn.

Sonntag, 21. September 2014

Nie im Leben darf das zählen!

VON JEREMIAS RENNER


Das zweite Mainzer Tor beim Sieg gegen Dortmund war regelwidrig – und keiner hat's gemerkt.

Überraschung am 4. Spieltag der Bundesliga: Mainz 05 schlägt den BVB mit 2:0. Das entscheidende Tor fällt in der 74. Spielminute. Nationalspieler Matthias Ginter grätscht die Hereingabe des Mainzers Jairo im letzten Moment vor Ex-Dortmunder Jonas Hofmann ab – allerdings ins eigene Tor. Hofmann war beim Abspiel im Abseits, berührte den Ball aber nicht. „Alles korrekt also“, befindet der Sportstudio-Kommentator.

BITTE?!

Liebe Fußballfreunde, NIE IM LEBEN darf dieses Tor zählen!

Der einzige Grund, aus dem Ginter grätscht, ist – richtig, der im Abseits stehende Jonas Hofmann. Damit ist die Abseitsstellung natürlich strafbar. Genau, wie der Spieler, der einem Torwart im Abseits stehend die Sicht versperrt, irritiert Hofmann seinen Gegenspieler und zwingt ihn, einzugreifen. Aus dem Abseits heraus, also regelwidrig. Auch die offiziellen Fifaregeln lassen wenig Interpretationsspielraum. Dort kann man lesen: „Ein Angreifer rennt zum Ball und hindert den Gegner daran, den Ball zu spielen oder spielen zu können.“ Klarer Fall also eigentlich. Auch wenn Ginter natürlich „nur“ daran gehindert wird, den Ball kontrolliert zu spielen.


Mainz' Jairo will Hofmann anspielen, dieser steht im Moment der Ballabgabe im Abseits (li.). Ginter kommt im letzten Moment dazwischen und versucht, vor dem einschussbereiten Hofmann zu klären, trifft aber das eigene Tor (re.). Hofmann berührt zwar den Ball nicht, zwingt Ginter aber zur Grätsche. Grafik: jre.
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Der Vorwurf geht hier weniger an den Schiedsrichter – Fehlentscheidungen passieren natürlich. Vielleicht wurde auch schlicht die Abseitsstellung übersehen, schließlich war es hauchdünn. Nicht einmal Jürgen Klopp beschwerte sich, vielleicht ist es auch ihm entgangen. Aber was ist das bitte für ein Qualitätsjournalismus, wenn das ZDF verkündet, ein Tor sei korrekt, und niemand, weder der Spiegel, noch der Kicker, hinterfragt das?! Peinlich.

Witzig eigentlich, dass sich in einer ganz ähnlichen Szene alle einig waren. Bei Augsburg gegen Werder erregte eine Szene ganz besonders den Ärger von Gästetrainer Robin Dutt, nämlich die Entscheidung auf Elfmeter nach Foul von Bartels an Bobadilla. Wieder hat ein im Abseits stehender Spieler den Ball nicht berührt. Diesmal analysiert das ZDF richtig: „Weil Mölders grätscht und somit Raphael Wolff (Werders Keeper) herausfordert, wird seine Abseitsposition strafbar.“ Richtig. Allerdings für mich bei weitem nicht so eindeutig wie bei Hofmann. Sei's drum.

Oder irre ich mich? Dann gebe mir bitte jemand bescheid, bevor ich noch bei Markus Merk oder Urs Meyer anrufe und mich lächerlich mache....

Ach, und wenn wir schon bei der Regelkunde sind: Lächerlich waren auch mal wieder einige Handelfmeter, die gepfiffen oder gefordert wurden. Vergrößerung der Körperfläche, natürliche Handbewegung, pi, pa, po. Was ein wirklich absichtliches Handspiel ist, hat Bayerns Manuel Neuer am Samstag beim Spiel in Hamburg doch eigentlich eindrucksvoll genug demonstriert. Alles andere ist kleinlich.

Freitag, 19. September 2014

Mesut Özil hat ein Image-Problem

VON JEREMIAS RENNER:

Die Fußballsaison 2014/15 ist erst ein paar Wochen alt, aber der Arsenal-Profi Mesut Özil steht schon wieder mehr im Fokus, als ihm lieb sein kann. Drei Einsätze in der Premier League, einer in der Champions League beim enttäuschenden 0:2 bei Borussia Dortmund. Seine Bilanz? Kein Tor, keine Vorlage. Das ist natürlich wenig, vor allem, da sich die Anhänger der Gunners nach Özils durchwachsenem ersten Premier-League-Jahr eine deutliche Leistungssteigerung von Wengers Königstransfer des letzten Sommers erhofft haben.

Aber Moment mal. War da nicht noch irgendwas? Achja, zwischendurch ist Özil ja auch noch Weltmeister geworden. Mit Deutschland. Stimmt ja. Aber er hat doch gar nichts gemacht, oder? Das Tor im Finale hat Mario Götze geschossen, vorbereitet von André Schürrle. Den Cut unter dem Auge hat sich Bastian Schweinsteiger abgeholt, und den Torrekord hat sich Miroslav Klose gesichert. Portugals Verteidiger schrecken heute noch regelmäßig laut schreiend aus dem Schlaf hoch, wenn sie von Thomas Müller träumen, und Karim Benzema wirft seine Dartpfeile neuerdings auf ein Manuel Neuer-Plakat. Aber Özil? Ja okay, der war halt dabei. Immer in der Startelf, ja, geschenkt. Wir sind halt trotzdem Weltmeister geworden. Obwohl dieser, oft lethargisch wirkende – hoppla, jetzt hätte ich doch tatsächlich fast „Türke“ geschrieben – immer gespielt hat. So war es doch, oder?

Natürlich nicht. Denn wie etwa ein Benedikt Höwedes war Özil ein fester Bestandteil einer funktionierenden Mannschaft, ohne ein Spiel im Alleingang entschieden zu haben. Und wer sich mal die Mühe macht, sich ein paar Zahlen anzusehen, stellt fest: Selbst wenn es kein herausragendes Turnier des Mesut Özil war, keiner hat so viele Torschussvorlagen vorzuweisen, und über keinen liefen, objektiv betrachtet, nach vorne mehr Aktionen, wenn auch nicht immer die spielentscheidenden und auch nicht nur die gelungenen. Immer eine Idee, fast nie ein Fehlpass, trotz stets riskanter Zuspiele vor allem in der gegnerischen Hälfte.

Aber so etwas ist bei Özil eben Standard. Das macht er in einem, nennen wir es „Formtief“. Da spielt er mal eben grundsolide in einer Weltmeisterelf mit. Und muss sich Schelte von allen Ecken und Enden anhören. An welchem Maßstab, bitteschön, wird dieser Kerl eigentlich gemessen?

Nun, er selbst hat die Messlatte einfach unglaublich hoch gehängt. Keine zwei Jahre ist es her, dass ebenjener BVB im Estadio Santiago Bernabeú zu Madrid für ein Champions League Gruppenspiel zu Gast war und dicht vor einem sensationellen 2:1 Auswärtserfolg stand, als sich ebenjener Mesut Özil den Ball schnappte und einen Freistoß aus 20 Metern zum 2:2 versenkte. In Madrid liebten sie ihn. Hier hatte Özil die sportlich bisher besten drei Jahre seiner Karriere. Ein Glanzlicht nach dem anderen, und eine Vorlage nach der anderen. Nicht zuletzt der Nummer 10 mit seinem Namen auf dem wohl legendärsten Trikot der Welt hat Özil seine 26 Millionen Facebook-Fans zu verdanken, mit denen er alle anderen deutschen Weltmeister nach wie vor locker in die Tasche steckt. Am Ende jagten sie ihn vom königlichen Hof, unter dem lauten Protest der Anhänger und Özils bestem Flankenverwerter Cristiano Ronaldo – und für schlappe 50 Millionen Euro.

Ganz Arsenal freute sich riesig, doch dieses verdammt schwere Preisschild um den Hals scheint Özil zu hemmen. Die Medien freuen sich, weil man auf ihm einfach so wunderbar, ungestraft und unobjektiv herumhacken kann. Man braucht sich nur einmal die Bild-Noten des Spiels beim BVB anzusehen. Die Arsenal-Spieler erhielten quasi durch die Bank weg Fünfen. Mertesacker aber bekam eine milde 4 (weil er Deutscher ist?) und Özil natürlich eine 6 – einfach nur, weil er Özil ist?

Am Ende wird es die Karriere des Mesut Özil abkönnen, dass er zwei Jahre lang mal nur ein sehr guter Spieler gewesen ist, und kein herausragender. Und noch halten sowohl Arsène Wenger, als auch Jogi Löw an Özil fest, und das auch zurecht, denn sie wissen, was er kann. Es fragt sich nur, wie lange tun sie das noch? Und um zu verhindern, im Haifischbecken Profifußball unterzugehen und an der Häme der Massenmedien und der Stammtische zu zerbrechen, sollte Mesut Özil jetzt dringend wieder anfangen zu liefern. Oder mal etwas für sein Image tun. Oder, am besten: Beides.



Donnerstag, 18. September 2014

DHSG – Totgesagte leben länger

Nein, es handelt sich nicht um den Arbeitstitel für die nächste Seifenoper aus den Abgründen der RTL2-Schmiede.

Viel mehr haben wir uns entschlossen, nach einer Phase der beruflich- respektive studienbedingten Neuordnung, unsere Aktivitäten auf diesem Blog wieder zu intensivieren. Will sagen, uns wieder alles, was uns zu König Fußball in den Sinn kommt, frei von der Seele zu schreiben.

Dabei können wir gleich einen spektakulären Neuzugang in unseren Reihen begrüßen:
Der Wunderknabe und vielversprechendste Lyriker seit Walther von der Vogelweide, Jerry Renner, wird unser Team ab sofort unterstützen. Er erhält einen vorerst unbefristeten Vertrag und eine Bratwurst pro Punktgewinn.

Dienstag, 21. Januar 2014

Von der Stamford Bridge zur Bielefelder Alm

VON JAWIN SCHELL:

Ob Freddy Adu, Javier Portillo, Marat Izmailov oder auch Lars Ricken. Die Liste der angeblichen Jahrhunderttalente, die, mit jeder Menge Vorschusslorbeeren bedacht, schon  kurzer Zeit später als Kaderfüller nur noch kleine Brötchen backen durften, ist ellenlang. Auch der Israeli Ben Sahar, 24, arbeitet schon seit längerem mit Vehemenz daran, einen ähnlich erfolgreichen Weg einzuschlagen.

 Im WM-Jahr 2006 wechselte der damals 16-Jährige nach zweimonatigem Probetraining in die Jugendabteilung des Chelsea F.C. Für Sahar, der zu jener Zeit in seinem Heimatland bereits als große Hoffnung auf den nächsten israelischen Weltstar nach Uri Geller galt, ging es dann zunächst auch beim Lieblings-Spielzeug des russischen Öl-Magnaten Roman Abramowitsch steil bergauf. Dank starker Auftritte im Reserveteam, verschaffte ihm Chelseas Erfolgscoach José Mourinho auch einige Einsätze im Profikader. Spätestens zu dieser Zeit handelte man Sahar an der Stamford Bridge und auch im restlichen Europa als "the next big thing in football."

Gestern verkündete dann Zweitligist Arminia Bielefeld den Wechsel des 30-fachen israelischen Nationalspielers bis zum Sommer an die Bielefelder Alm. Zwar gehört die Arminia zu den traditionsreichsten Vereinen im deutschen Profifußball, aber das Engagement des Offensiv-Allrounders bei den Ostwestfalen wirft dann doch zumindest eine Frage auf: Was ist in der Zwischenzeit bloß passiert?

Sahars Karriere bei den "Blues" geriet jedenfalls schon früh ins Stocken. Die überzogenen Erwartungen des Umfelds konnte der junge Israeli aus der Industriestadt Cholon südlich von Tel Aviv, im Konkurrenzkampf mit den Londoner Platzhirschen nicht erfüllen. Sahar blieb 2007 im Kampf um die, für Talente so wichtige, Spielzeit nur die Ausleihe zu den Queenspark Rangers.

Dass diese Flucht aus der Kader-Bedeutungslosigkeit, ein seine weitere Profikarriere prägendes Muster sein würde, dürfte dem pfeilschnellen Außenspieler damals noch nicht klar gewesen sein. Heute, leidvolle sieben Jahre später, stehen für ihn insgesamt 17 Transfers zu Buche. Bei acht Vereinen in sechs Ländern, versuchte er sein Glück. Zuletzt bei Hertha BSC Berlin, auch hier mit mäßigem Erfolg. Beim Hauptstadtclub wurde der trainingsfleißige Israeli in der ersten Bundesliga noch überhaupt nicht eingesetzt, in der  Nationalmannschaft spielt er seit seinem Wechsel nach Deutschland keine Rolle mehr.

 Jetzt also die sechsmonatige Ausleihe zu den Arminen. Der absolute Tiefpunkt, ein finaler Nackenschlag? Keineswegs, zwar erscheint Sahar, in Anbetracht der in Aussicht gestellten Weltkarriere, der harte Zweitliga-Alltag bestimmt nicht gerade wie das gelobte Land, aber der Schritt zurück könnte sich für das ehemalige Jahrhunderttalent, als Vorbereitung eines großen Schrittes nach vorne erweisen. Denn Sahar, der im August 25 wird, befindet sich noch im besten Fußballeralter, auch seine hervorragende Grundschnelligkeit und Abschlußstärke sind ihm nicht abhanden gekommen.

 Sollte dem Israeli, von Bielefelder Seite, das in Berlin trotz guter Ansätze fehlende Vertrauen entgegengebracht werden, könnte es sein, dass  einige Zweitligaverteidiger noch verstehen werde, warum Ben Sahar einst als das größte Talent Israels galt.