Dienstag, 30. September 2014

Stell dir vor, es ist Championsleague, und keiner geht hin


VON STEFAN MATERN:



Der rasende Reporter Christian "Orti" Ortlepp malte das Horrorszenario in den dunkelsten Farben: "Schock" nach Feuer im Mannschaftshotel, "Horrorreise" und "Kreml", das Wort das Ortleb nicht unbedingt immer sinnvoll in seinem Satzbau zu platzieren vermache, das Wort das Ortleb gerne mit sehr gedehntem E ausspricht, sodass es eher wie "Kreeeeeeeeeml" klingt und an einen Schokoriegel mit goldbrauner Füllung erinnert. 

„Tatsächlich“ war im Mannschaftshotel des FC Bayern am Sonntagabend Feuer ausgebrochen und die gesamte Mannschaft samt Betreuer musste das Ritz Carlton, einen Luxusschuppen im Zentrum Moskaus, räumen. „Der“ deutsche Sportsender Sport 1, der tagsüber gerne anstatt Sport lieber dicke Amerikaner mit tätowierten Oberarmen zeigt, die aus irgendwelchen Garagen irgendwelche Dinge ersteigern (ohne vorher zu wissen was sie für ihre Gebote erhalten werden) nur um dann wenig später nach der Öffnung des Garagentors enthusiastisch auszurasten, wie es früher die Kandidaten bei Oliver Geissen vor dem Liebestor taten; ja, jener Sender untermalte den von Orti prognostizierten Untergang der bayerischen Mia-San-Mia-Wohlfühloase mit Schreckensbildern. 
Zu sehen waren Spieler des Rekordmeisters, eingehüllt in Handtüchern und vor dem Hotel kauernd, nicht wissend was passieren und wie es weitergehen würde. Tatsächlich nutzte Sport 1 zunächst nur die unmittelbar nach der Flucht aus dem Hotel getätigten Aufnahmen, die Spieler fanden sich alsbald in einem noblen Restaurant um die Ecke ein und verbrachten einen gemütlichen Teamabend in gesitteter Atmosphäre. 
Willkommen im Märchenwald des Qualitätsjournalismus. Ein Schelm, wer böses denkt und dem Moskauer Club unterstellt, er würde mit allen Mitteln arbeiten. Auch ein Schelm, wer sich an Breno erinnert fühlt, denn man soll ja kein Feuer legen, das man nicht löschen kann. Manuel Neuer jedenfalls kommentierte den Vorfall auf seine Art, er fühlte sich „an alte Schulhofzeiten erinnert“. Doch all die Aufregung und auch all die Witze waren im Endeffekt nur Schall und Rauch, meldete doch die Moskauer Tageszeitung Kommersant unter Berufung auf Hotelmitarbeiter, dass es sich um einen falschen Bombenalarm gehandelt habe. Dennoch darf natürlich konstatiert werden, dass die ohnehin schon schwierige Russlandreise durch diesen Vorfall nicht unbedingt angenehmer geworden ist. 

Die Auswärtsfahrt des FC Bayern München zum Championsleague-Spiel gegen ZSKA Moskau ist nämlich auf mehrere Arten speziell. Zunächst einmal tun sich westliche Mannschaften immer schwer, wenn es für sie in die ferneren östlichen Länder geht. Oft wird auf Kunstrasen gespielt, die Temperaturen sind kalt, die Anstoßzeiten ungewohnt und die russischen Teams haben auch gerne eine zerstörerische und unangenehme Spielweise an sich, die einem ballbesitzorientierten Team wie dem FC Bayern die Laune gehörig verderben kann. Das alles ist jedoch nichts, was Profisportler nicht kennen.

Was dem gemeinen Fußballfan, und auch dem gemeinen Profi sicher nicht unbedingt schmecken wird, ist die gespenstische Stille die sich in der Arena Khimki, in die das Spiel von der UEFA verlegt worden war, sollte es doch zunächst im Stadion des Lokalrivalen Lokomotive Moskau stattfinden, ausdehnen wird. Die UEFA hatte den russischen Club aufgrund des wiederholt rassistischen Verhaltens seiner Fans mit diesem Fan-Ausschluss bestraft, das Spiel wird also, wie einst das Spiel des VfB Stuttgart im Achtelfinal-Rückspiel der Europa-League gegen Lazio Rom, vor leeren Rängen stattfinden.
Dass die UEFA damit nicht nur, zurecht, die Moskauer Fans bestraft, sondern auch den Anhängern des FC Bayern schadet, interessierte die Entourage um Michel Platini nicht sonderlich. Weder die Protestaktionen im CL-Spiel gegen Manchester City noch der offene Brief an die UEFA hatte die alten Herren zu einem Umdenken bewegen können. Verständlich, bedenkt man die senile, herrische und teils fast schon komische Art und Weise mit der Platini durch die große Fußballwelt stolpert, grade so, als hätte er vergessen wie galant und geschmeidig er einst über die Rasen dieser Welt geschwebt war. 

Doch die Entscheidung steht nun und es bleibt zu hoffen, dass sich einerseits die beiden Teams davon nicht beirren lassen und ein tolles Fußballspiel zeigen, und andererseits, dass sich das hartnäckig haltende Gerücht, der Gastgeber wolle über Lautsprecher für Stadionatmosphäre sorgen, nicht bewahrheitet. Es wäre zu traurig, dürften unsere Ohren nicht dem herrlichen Deutsch, Spanisch oder wahlweise Englisch  Pep Guardiolas über die Außenmikrofone lauschen, mit dem er seinen Spielern die Anweisungen derart intensiv, euphorisch und alphatiermäßig in die Ohren brüllt, dass Matthias Sammer auf der Ersatzbank  verschüchtert zu Boden guckt, nur um sich dann im nächsten Interview wieder in verschachtelten Sätzen zu verstricken und das Wort „Konstellation“ möglichst inflationär zu benutzen. 
Doch auch damit könnten wir alle noch leben. Unser Horrorszenario, das man malen kann, ohne auf Orti zurückzugreifen, ist eben Folgendes. Gibt es zu den unsäglichen Kommentatoren um den opportunistischen Marcel Reif und seinem jüngeren Pendant Wolff Fuß, bei dem in jedem Spiel mindestens einmal ein „lucky punch“ gesetzt wird, nicht mehr die Alternative auf Stadionatmosphäre umzuschalten, weil es eben keine Atmosphäre gibt, ja, dann ist der Abend, ob mit oder ohne Schokoriegel mit goldbrauner Füllung, endgültig gelaufen.



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