Freitag, 26. September 2014

Tim Wiese - Vom Bankdrücker zum Bankdrücker

VON STEFAN MATERN:

Die faszinierende Geschichte eines talentierten Torwarts, Nationalspielers und am Ende vielleicht sogar professionellen Wrestlers: Ein zu Papier gebrachter Roadtrip von „die Null muss stehen“, über die Ersatzbank und Tribüne, bis zu „breit gebaut, braun gebrannt, 100 Kilo Hantelbank“.

Alles begann vor rund 25 Jahren bei seinem Jugendverein DJK Dürscheid, Wiese war anno 1987 noch ein Stürmer, den Weg ins Tor fand er nur aufgrund von Achillessehnenproblemen in der Jugend von Bayer 04 Leverkusen. Er überstand zwei Kreuzbandrisse, einen beim 1. FC Kaiserslautern und einen gleich nach seinem Wechsel zum SV Werder Bremen, er lernte was es heißt zu leiden, zu beißen und sich wieder heranzukämpfen. Die Zeit an der Weser war auch seine erfolgreichste Zeit, er gewann 2009 den DFB Pokal und stand im gleichen Jahr im UEFA Pokal Finale, war bei der WM 2010 Ersatztorhüter der Nationalmannschaft hinter Manuel Neuer.  Selbst zur EM 2012 reiste Wiese noch mit.

Das ist nun zwei Jahre, geschätzte 728 Fitnessstudio-Besuche, doppelt so viele Proteinshakes und einige Solariumsbesuche her und der gemeine Fußballfan erkennt den einstigen Weltklassetorhüter kaum wieder. Nach seiner Ausbootung bei der TSG Hoffenheim, bei der er unter Markus Babbel zunächst Fuß fassen konnte, sich nach schlechten Leistungen aber auf der Bank wieder fand, und weder unter Marko Kurz noch unter Markus Gisdol seinen Weg zurück ins Tor fand, begann Wiese sich ein neues Hobby zuzulegen. „Scheinbar macht es ihm viel Spaß jeden Tag ins Gym zu gehen[...], ich frag mich nur, ist das so der Traumkörper den wir alle anstreben?“ kommentierte Torwartlegende Oliver Kahn die Entwicklung seines einstigen Kollegen.
Bald jedoch könnten wir nicht mehr von Tim Wiese sprechen, sondern vom „Dynamic Muscle Mountain“ (wie der deutsche Wrestler „Bam“ in einem Interview mit 11 Freunde vorschlug), der zwar keine Freistöße mehr aus den Ecken kratzt, dafür aber einen seiner künftigen Kollegen (?) mit dem „Death Valley Driver finished“, wie es im Fachjargon heißt. Tim Wiese tauschte die Ersatzbank gegen die Hantelbank und vielleicht auch bald sein pinkes Torwarttrikot gegen, vornehmlich pinke, long-tights aus Elastan.

Damit könnte er sich in eine illustre Runde ehemaliger Fußballprofis mit neuen, anderen und vornehmlich ungewöhnlichen Jobs einreihen. Neben eher positiven Beispielen, wie dem ehemaligen Profi Hans-Josef Kapellmann, der für den 1. FC Köln und Bayern München spielte, nach seiner aktiven Zeit promovierte und als Facharzt für Unfallchirurgie arbeitete, gibt es eben auch jene Profis, deren Berufe nach der Zeit als Fußballprofi, gelinde gesagt, skurril anmuten. Als Beispiel sei hier Jonathan de Falco erwähnt, ein ehemaliger Profi der zweiten belgischen Liga, der sich 2011 unter dem Pseudonym „Stany Falcone“ den HustlaBall-Award in der Kategorie „Bester Newcomer EU“ sicherte. Als Pornodarsteller.

Wiese jedenfalls sieht „keinen Grund das Angebot nicht gründlich zu prüfen.“ Verständlich, bedenkt man, dass die WWE die bekannteste und kommerziell erfolgreichste Wrestling Liga ist und Wieses Aussichten auf einen Torwart-Job durch die spielfreie Zeit und die angehäuften Muskelberge eher gering einzuschätzen sind. Dennoch stellt sich jedem Fußballfan die Frage nach dem Warum. Warum die zahllosen Ausflüge ins Fitnessstudio, warum nicht einfach nur fit halten und irgendwann wieder zurück in den Profi-Fußball finden? Die Antwort auf diese Frage bleibt wohl für immer hinter Tonnen Whey-Protein, Kreatin, Haarwachs ("Ich benutze kein Gel, sondern Wachs, um das mal klarzustellen") und der euphemistisch gesagt, braun melierten Haut des einstigen sicheren Rückhalts verborgen.
Dass Wiese schon Vorerfahrung im Wrestling hat, könnte ihm in Zukunft natürlich zu Gute kommen. 2008 rammte er in guter alter Oliver-Kahn-Kung-Fu-Manier Ivica Olic die Stollen derart in den Hals, dass erfahrene Wrestling Experten vom „Big Boot“ sprechen würden und man sich durchaus fragen darf, warum Wiese das Interesse der WWE nicht schon früher auf sich ziehen konnte.

Es bleibt festzuhalten, dass Wiese beim Show-Kampf im Ring physisch sehr viel einstecken müsste, doch auch die psychischen Folgen, wie das jetzt schon hallende Medienecho, dürften ihm das Leben nicht gerade einfacher machen. Doch seien wir ehrlich, auch der Job zwischen den Pfosten wird zusehends gefährlicher. Angesichts des Vorfalls der sich vergangenes Wochenende in der vierten Schweizer Liga ereignete, Fans hatten in die Trinkflasche des gegnerischen Torwarts uriniert, ist Wieses potentielle Entscheidung für die WWE dann vielleicht doch noch zu verstehen. Viel Glück wünschen wir ihm allemal. Falls der Ausflug ins Wrestling-Geschäft doch nicht klappen sollte, gäbe es durchaus noch andere Möglichkeiten im Profisport zu bleiben. Bei einem gewissen Verein im Norden soll wohl bald wieder ein Job frei sein, gesucht wird dort ein Fußballlehrer, Erfahrung erwünscht aber nicht notwendig. Ob sich Wiese das als Ex-Werderaner jedoch antuen würde, bleibt abzuwarten.

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