Freitag, 29. November 2013

Zauberei am Zuckerhut: Die Utopie der perfekten Weltmeisterschaft Teil II
















VON STEFAN MATERN:

Doch nicht nur die finanzielle und wirtschaftliche Situation regt zum Nachdenken an, auch die personellen Sorgen sind gravierend. Nachdem ein Streit zwischen der FIFA und der brasilianischen Regierung, der durch die Äußerung des Generalsekretärs der FIFA, Brasilien brauche einen „Tritt in den Hintern“ ausgelöst, und durch einen überhasteten Beschwichtigungsbesuch Sepp Blatters beigelegt worden war, zeichnete sich indes die nächste Hiobsbotschaft für die Staatspräsidentin Dilma Roussef ab. Ricardo Teixeira, seines Zeichens Vorsitzender des brasilianischen Fußballverbandes, musste aufgrund von Korruptionsvorwürfen mit erdrückender Beweislast sein Amt niederlegen. 

Die Trauer über jenen Rücktritt hielt sich in Grenzen, doch der eigentliche Super-GAU, der Schlag ins Gesichte Roussefs, folgte auf dem Fuße. José Maria Marin übernahm die Rolle des Nachfolgers. Man stelle sich vor, Roland Freisler hätte die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland als Präsident des Verbandes organisiert und die Medaillen an die Spieler überreicht, sowie zusammen mit Angela Merkel auf der Tribüne gesessen. Das zeichnet, in etwas überspitzter Form, die Rolle Marins in Brasilien nach. Dieser war in der Zeit der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 glühender Verteidiger der gewaltsamen Praktiken, lobte beispielsweise die Folterknechte die Kritikern und Widersachern des Regimes ihre Grenzen aufzeigten, sieht die Folterungen bis heute als verdient und gerechtfertigt an, nennt die Widerständler gar „Terroristen“ und hat seit jeher nicht die kleinste Entschuldigung verlauten lassen. 

Geradezu pervers mutet es dabei an, dass Dilma Roussef zu jener Zeit einer linken Widerstandsgruppe angehörte, und ebenfalls Opfer von physischer und psychischer Gewalt geworden war. Roussef musste somit beim Confederations Cup jenen Mann umarmen, der ihre eigene Folter befürwortet hatte. Und jene Persona non grata, jener Mann der ein bekennender Menschenrechtsverletzter war, soll die Weltmeisterschaft eröffnen, mit ihr an seiner Seite. Bizarrer geht es nicht mehr. Und eigentlich auch nicht trauriger. Doch die FIFA setzt dem ganzen die Krone auf:


Das Ethikkomitee des Weltverbandes sieht sich in diesem Fall nämlich nicht zuständig, dies sei eine „innerbrasilianische Angelegenheit“. Doch wie soll Brasilien solch ein Problem lösen, mit einem Parlament in dem mindestens ein Drittel der Abgeordneten wegen Vergehen wie Kidnapping, Stimmenkauf oder Geldwäsche oder noch schlimmeren  Anschuldigungen, die sogar bis zu Kokainschmuggel und Mord reichen, angeklagt ist? Vermutlich gar nicht.

Brasilien braucht eine internationale Welle der Entrüstung, eine Welle die durch den Stein Marin hätte ausgelöst werden müssen, eine Welle wie sie es 2006 gegeben hätte, wäre ein Alt-Nazi Organisator der WM gewesen. Die Bevölkerung hat den Anfang gemacht, ein Anfang der die Ignoranz der westlichen Staaten, der FIFA und der Fußballer selbst beenden sollte.

 In Anlehnung an die „Democracia Corinthiania“, die vor rund 30 Jahren ihren Ursprung unter Schirmherrschaft des politisch engagierten Fußballlers Sócrates hatte, oder auch der aktuellen Protestbewegung „Bom Senso FC“, muss sich ein Bewusstsein unter den Fußballern bilden. Denn die Profis der Nationen haben eine kommunikative Macht wie sonst nur wenige, insbesondere die Brasilianer um den Zauberer Neymar und den Publikumsliebling Dante, und genau sie sind es auch, die diese Macht endlich nutzen sollten. Alles andere wäre traurig. Denn hier geht es um mehr als nur eine Weltmeisterschaft. Für Brasilien. Für den Fußball. Für den Rest der Welt.

Donnerstag, 28. November 2013

Zauberei am Zuckerhut: Die Utopie der perfekten Weltmeisterschaft Teil I
















VON STEFAN MATERN:

200.000 Menschen protestierten auf den Straßen der verschiedensten Städte, mehr als doppelt so viele taten ihren Unmut in sozialen Netzwerken kund. Bilder von Straßenschlachten mit der Polizei, herumfliegenden Molotow-Cocktails und zu Wurfgeschossen umfunktionierten Kokosnüssen flimmerten über die Bildschirme in europäischen Wohnzimmern. 

Was sich anhört wie ein Lagebericht zu Zeiten der ägyptischen Revolution im arabischen Frühling ist lediglich das, was sich während der Generalprobe zur WM 2014, dem Confederations-Cup 2013, in Brasilien abspielte. Jene Szenen sind jedoch durch die Vorkommnisse in Katar, und auch durch die spannenden Playoffs in der WM-Qualifikation, in Vergessenheit geraten und die Welt freut sich, wie just nach der Vergabe, auf ein Sommermärchen 2.0 in Brasilien.

 Zauberei unterm Zuckerhut, Samba do Brasil, die erst zweite WM nach 1950 in dem Land, in dem es mehr Fußbälle als Straßenlaternen gibt, in dem klangvolle Namen wie Pele, Romario, Ronaldo oder Zico das Kicken auf der Straße lernten. Kein anderes Land impliziert die Liebe zum Fußball so deutlich, kein anderes Volk lebt Fußball so wie die Brasilianer. Also rein ideell gesehen nicht die schlechtesten Voraussetzungen. Doch in der Realität zeigt sich ein zweites Gesicht - o reverso da medalha, wie der Brasilianer sagen würde, die Kehrseite der Medaille.

Der Umbau bzw. Neubau von Stadien und der Ausbau der Infrastruktur hinken in Planung und Umsetzung den Vorgaben meilenweit hinterher, die Kosten explodieren und die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wächst. Keinen geringen Anteil an den Zweifeln in der Gesellschaft hat der Vertrauensbruch den die Regierung beging, hatte sie doch versprochen, die WM ausschließlich durch private Investoren zu finanzieren. Résumé: Über 10 Milliarden Dollar an Steuergeldern die bisher aufgewendet wurden, das sind mehr als die Kosten der letzten drei Weltmeisterschaften zusammen.


Dass in Brasilien der Schuh jedoch an ganz anderen Stellen drückt, wie beispielsweise in der Bildung oder bei sanitären Einrichtungen, sorgt für weiteren Unmut in der Gesellschaft. Als logische Konsequenz und bitteren Beigeschmack sank das Wirtschaftswachstum, gleichzeitig stieg die Inflationsrate und die Lebensmittelpreise nahmen um satte 13 Prozent zu. 

Wer hier noch über Sommer, leicht bekleidete Brasilianerinnen, spektakuläre Dribblings von Neymar und den Beachbody von Cristiano Ronaldo an der Copacabana sinniert, ist wohl vor einigen Jahren gedanklich stehengeblieben und hat den Ernst der Lage noch nicht erkannt. 

Montag, 11. November 2013

Alles Gute Philipp Lahm!

VON JAWIN SCHELL:

Picasso und Beethoven (beide 1,62), Charlie Chaplin (1,65) und Martin Luther King (1,69). Oft sind es die kleinen Männer, die fähig sind Großes zu leisten. Auch Hitler, Stalin und Napoleon maßen weniger als 175 Zentimeter. Doch bei ihnen äußerte sich das Gefühl des scheinbaren Zukurzgekommenseins in einem aggressiven, unstillbaren Machthunger und führte in historische Abgründe.



Das vermeintliche Manko der geringen Körpergröße jedoch als intrinsischen Motivationsgrund beim Urmünchner und bayerischen Weltklasseverteidiger Philipp Lahm (1,70) festzumachen wäre hingegen nun wirklich genauso falsch wie ihm einen „Napoleon-Komplex“ vorzuwerfen.
Lahm möchte nichts kompensieren.

 Er muss auch nichts kompensieren, denn er läuft und spielt seit Jahren ähnlich zuverlässig und präzise wie ein Schweizer Uhrwerk. Seine große Stärke liegt im Hang zur Perfektion. Wäre die Bundesliga eine Schulklasse, wäre er Lehrerliebling, Klassenprimus und Schülersprecher zugleich. Keine Fehlzeiten, keine Verhaltensauffälligkeiten, nur Bestnoten. Eine Suche nach schlechten Spielen Lahms endet schnell bei Metaphern voller Nadeln und Heuhaufen. Spielt Lahm nicht gut, spielt er allerhöchstens unauffällig. Im heutigen Fußball voller Westermanns und Sobiechs bei Verteidigern nicht unbedingt das schlechteste Prädikat. 

Auch Lahms großer Förderer und ehemaliger Jugendtrainer, der „Tiger“ Hermann Gerland meint der Außenverteidiger “hätte außerhalb des Platzes nie Mist gemacht, nie Flausen im Kopf gehabt“. Gerade deshalb ist Lahms Karriere, bis auf leichte Störgeräusche um Kapitänsbinden und Buchveröffentlichungen, bemerkenswert schnörkellos verlaufen.  Vom Münchner Lausbub aus der Jugendabteilung des FT Gern zum Weltstar mit spärlichem Bartwuchs und Kapitän der aktuell wohl besten Mannschaft der Welt, musste er nur den Umweg über den VfB Stuttgart nehmen. 

In der Nationalmannschaft ist er seit seinem ersten Länderspiel Stammkraft, verkörpert wie kein Zweiter die Zäsur zwischen dem Kampf-und-Krampf-Fußball der frühen 00er Jahre und der Wiederkehr Deutschlands in den Zirkel der großen Fußballmächte und ist auch hier  inzwischen Kapitän.

 Als Anführer ist er ein Leisesprecher und vertritt, zumindest nach außen hin, das Konzept der flachen Hierarchien. Philipp Lahm ist niemand der um jeden Preis auffallen will. Trotzdem ist die Resonanz auf den Sohn eines Fernmeldetechnikers im Ausland gewaltig. Nicht umsonst klopften zahlreiche der anderen europäischen Granden an. Auch Pep Guardiola, Lahms heutiger Trainer, wollte ihn zum FC Barcelona lotsen. 

Vergeblich. Philipp Lahm, der Münchner Junge, wird die Karriere in seiner Geburtsstadt beenden. Wäre die Riege der internationalen Klassefußballer ein Autosalon, wäre Lahm ein Mercedes. Gediegen, solide, manchmal unauffällig und trotzdem voller Kraft. Eine perfekt geölte Maschine, deutsche Ingenieurskunst.


 Ein Spieler ohne den wir uns den deutschen Fußball gar nicht mehr vorstellen können und wollen.
Alles Gute zum 30.Geburtstag Philipp Lahm!

Dienstag, 5. November 2013

Wie Phoenix aus der Asche

VON STEFAN MATERN:


Es waren Szenen purer Euphorie und Freude wie sich sonst nur beim Erreichen des Klassenerhalts oder beim Gewinn der Weltmeisterschaft abspielen.
Hunderte Fans stürmten den Platz des Estadio Vincente Calderón, den heiligen Rasen Atletico Madrids, um ihren neuen Stürmer-Star David Villa willkommen zu heißen. Über 20 000 Fans hatten den Weg ins Stadion gefunden, schlussendlich musste sogar die Polizei eingreifen und Villa in die sicheren Katakomben geleiten.

 Es sind gewiss Momente, die die neue Nummer 9 bei Reals Hauptstadtrivalen genießt und wertzuschätzen weiß, es sind jedoch auch Momente, die David Villa beinahe nie erlebt hätte.
Im Alter von neun Jahren hatte sich der 1,75m-große Stürmer den Oberschenkelknochen beim Fußball gebrochen, der leitende Arzt dachte über eine Amputation nach, verwarf den Gedanken aber schlussendlich und der junge Villa konnte nach einigen Monaten wieder Fußball spielen. 

Paradoxerweise hat gerade jene Ausfallzeit keinen geringen Anteil an der Beidfüßigkeit des Spaniers, hatte ihm doch sein Vater während der Leidenszeit unentwegt Bälle auf den linken Fuß zugespielt.
20 Jahre später widerfährt ihm, nach der Wundersaison in der Villa mit dem FC Barcelona jeden Titel außer den spanischen Pokal abgeräumt hatte, eine ähnlich schlimme Verletzung: Schienbeinbruch und über ein halbes Jahr Pause. Nach langwieriger Reha und schließlich gefeiertem Comeback, hatte der damalige 40-Millionen Mann der Katalanen jedoch nie wieder richtig Anschluss an die erste Elf gefunden. Und das obwohl sich seine Leistungsdaten mit 10 Toren und 5 Vorlagen in 28 Spielen alles andere als schlecht lesen. 

Doch der Glanz des mittlerweile 31-jährigen, der seinen ersten Profivertrag bei Sporting Gijón unterschieben hatte, schien verblasst zu sein. Eine vage Erinnerung an die goldenen Zeiten vergangener Tage, eine Erinnerung die so überhaupt nichts mehr mit seinem großen Vorbild Luis Enruiqe, zu tun hatte, an dem er sich aber so gerne messen ließ. 
Bezeichnend hierfür war auch die Ablösesumme die beim Wechsel zu Atletico für den einstigen Finaltorschützen der Championsleague gezahlt worden war: 2,1 Millionen Euro. 38 Millionen Euro Differenz zur damaligen Ablösesumme die die Katalanen an den FC Valencia hatten blechen müssen. Himmelhoch jauchzend versus zu Tode betrübt. Und heute?

David Villa erlebt gerade, wie man so schön sagt, den zweiten Frühling seiner Karriere, atmet die zweite Luft und ist in Madrid eingeschlagen wie eine Bombe. Die hohen Erwartungen gepaart mit der Euphorie der Fans, haben ihn nicht verrückt werden lassen, nein sie haben ihn wohl besonders motiviert. Als Nachfolger für den für 60 Millionen Euro zum AS Monaco transferierten Falcao geholt, erzielte er in den bisherigen 12 Saisonspielen bereits 6 Treffer und gab dabei 3 Vorlagen. Das Zusammenspiel mit seinem Sturmpartner Diego Costa funktioniert ebenfalls, Villa ist angekommen. Die Zukunft könnte also schlechter aussehen, scheint auf Rosen gebettet zu sein.


Doch wenn David Villa eines gelernt hat, dann ist es den Moment zu genießen und im Hier und Jetzt zu leben. Er hat, wie wenige andere, die Schnelllebigkeit des modernen Fußballgeschäfts mit voller Breitseite zu spüren bekommen und wagt nun mit 31 Jahren einen Neustart. Ein Neustart der bisher wirkt, als wäre er vorherbestimmt, als wäre der Phoenix aus der Asche empor gestiegen um die gegnerischen Verteidiger schwindelig zu spielen und Torhüter verzweifeln zu lassen. Ein Neustart auch, der Villas Willen und seine Fähigkeit zu leiden würdigt. Ein Neustart der hoffentlich ein gutes Ende findet. 
Zu gönnen wäre es ihm. So wie damals. 

Donnerstag, 31. Oktober 2013

Bobic zürnt den "Bullen"

VON JAWIN SCHELL

Fredi Bobic ist kein furchteinflößender Typ.
Seine Gesichtszüge wirken immer ein wenig verschmitzt und in jeder Aussage ist bei dem gebürtigen Serbokroaten, der seit frühester Kindheit in Stuttgart-Bad Cannstatt aufwuchs, ein angenehmes Schwäbeln durchzuhören. 

Dass der frühere Nationalstürmer auch anders kann, mussten im Laufe seiner Tätigkeit als Sportdirektor und Vorstand Sport beim VfB Stuttgart schon einige erfahren. Man mag sich an Bruce Banner und „the incredible Hulk“ erinnert fühlen. Sieht Bobic sich oder sein Team ungerecht behandelt, wird, um es salopp im Jargon einer großen deutschen Tageszeitung mit vier Buchstaben auszudrücken, aus dem „ friedlichen Fredi“ ganz schnell „ Bombarden-Bobic“.

 Zuletzt geriet auch Drittliga-Emporkömmling und Red Bull- Ableger RB Leipzig unter heftigen Beschuss aus dem Schwabenland. Grund war ein angeblicher Abwerbeversuch zweier Stuttgarter U-13 Jugendspieler seitens der Sachsen. Bobic nahm vor allem Anstoß am Alter der Spieler Luca Piljek und Melvin Ramusovic: „ Es geht hier um Zwölfjährige, die  abgeworben werden sollen“ und fand es „absolut unverantwortlich“ diese „ohne Not aus ihrer gewohnten Umgebung zu reißen!“. 

Pikant war die Situation auch weil, seit Anfang 2013, mit Thomas Albeck und Frieder Schrof zwei ehemalige VfB- Mitarbeiter die Nachwuchsarbeiter der Leipziger „Bullen“ koordinieren. Schrof war es auch der die Vorwürfe sofort zu entkräften suchte und erklärte: "Es ist haarsträubend zu glauben, dass wir bereits in dieser Altersklasse Talente abwerben wollen." Vielmehr hätten die beiden Spieler nur in den Schulferien ihren nach Leipzig gewechselten ehemaligen Jugendtrainer Aljoscha Spilevski  besuchen wollen und bei dieser Gelegenheit den Wunsch geäußert bei RB „ mal mit zu trainieren“. Für ihn sei „das Thema damit auch erledigt“. 

Man mag diese Version der Geschichte wenig glaubhaft finden und doch steht Aussage gegen Aussage. Und obwohl in solchen Fällen in dubio pro reo gelten sollte, ist Bobics Attacke  genau das richtige Zeichen. Denn in Zeiten, in denen Real Madrid ein neunjähriges japanisches Wunderkind verpflichtet und der große Rivale Barcelona mit einem gleichaltrigen  „Irish-Messi“ kontert, bekommt das schöne Wort Transferwahnsinn eine ganz neue Bedeutung. 

Dabei ist in diesem Alter eigentlich noch gar nicht erkennbar, ob der Weg zum Profifußballer überhaupt möglich ist. Die wirkliche Auslese findet erst in der B- oder A-Jugend, wenn aus Kindern und Jugendlichen junge Männer geworden sind, statt. Nicht umsonst gibt es in der Bundesliga eine Art Gentleman-Agreement möglichst keine Spieler aus den Nachwuchsleistungszentren abzuwerben. 
Auch UEFA-Chef und vorrausichtlicher Kandidat auf das Amt des FIFA-Präsidenten Michel Platini ließ verlauten:  „Ich bin grundsätzlich gegen den Transfer von Minderjährigen.“ Doch der 58-jährige ist als Fußballromantiker verschrien und im heutigen, stark wirtschaftsorientierten Profifußball zählt vielerorts vor allem das Geschäft. 

Schlagwörter wie Entwurzelung und Ausbeutung erzeugen hier teilweise nur ein müdes Lächeln. Umso wichtiger ist, dass die Nachwuchsspieler in Deutschland die Möglichkeit bekommen, sich in einem stabilen Umfeld in den Leistungszentren ihrer Stammvereine entwickeln zu können. 
Das Haifischbecken Bundesliga, mitsamt seinem nervenzehrenden Transferhickhack, lernen die Talentiertesten unter ihnen sowieso früh genug kennen.

Sonntag, 27. Oktober 2013

Das schwere Erbe einer Legende

VON STEFAN MATERN:

„I can’t believe it. I can’t believe it. Football. Bloody hell.“
 Dies sind die Worte eines der größten Trainer aller Zeiten, die Worte Alex Fergusons kurz nach dem Gewinn der Championsleague 1999 im Herzschlagfinale gegen den FC Bayern München und dem damit verbundenen Triplesieg.

Wenig später wurde aus dem ehemaligen Werkzeugmacher und Pub-Betreiber ein „Sir“, die Queen schlug ihn zum Ritter. Manchester United war auf dem Höhepunkt seiner Strahlkraft angelangt, auf dem Fußball –Thron Europas.
Und heute?

 Jene Legende, jener Startrainer der sich spätestens 1999 unsterblich gemacht hatte, trat im Mai 2013 zurück und hinterließ Fußstapfen, die zu füllen es einer riesigen Portion Selbstbewusstsein und Fachwissen bedurfte.

David Moyes, seines Zeichens Schotte wie der Große Sir selbst, machte sich auf um dieses Erbe anzutreten.  Die Trauer nach der vermeintlichen Apokalypse, Fergusons Abdankung, war groß. Bald darauf jedoch, nach der Verpflichtung des ehemaligen Everton-Trainers Moyes, begann sich die Verzweiflung und Trauer in Aufbruchsstimmung zu wandeln. Zumal jene Verpflichtung auf Anraten des Ex-Trainers und auch der United-Legende Bobby Charlton in die Tat umgesetzt worden war.
 Doch nun, nach dem achten Spieltag der Premier League scheint sich Ratlosigkeit breit zu machen. Acht Spiele, acht Punkte, achter Platz. Acht Punkte Rückstand auf die Spitze. „Achtung“ sagte zuletzt auch Ex-United Star Gary Neville, der Zweifel hegt ob Moyes der richtige Mann für den Neustart ist.

Gegen den Stadtrivalen City kam man mit 4:1 unter die Räder, das kratzt am Selbstverständnis des eigentlichen Platzhirsches, zumal wenig später die peinliche Heimpleite mit 1:2 gegen West Bromwich Albion folgte. Doch ehrlicherweise muss erwähnt werden, dass diese Startschwierigkeiten, nach dem bedeutendsten Trainerwechsel der modernen Fußballgeschichte, niemanden wirklich überraschen. Weitaus schlimmer jedoch als die spielerischen Defizite der Mannschaft, die Selbstvertrauen, Kreativität und Spaß am Spiel vermissen lässt, sind die fehlenden Ergebnisse. Immer wieder werden Vergleiche zur Ära Ferguson gezogen, als die Mannschaft selbst späte Tore erzielte, anstatt sie wie jetzt  zu kassieren.

 Eine wahrhaftige Antithese. Und immer wieder stellt sich auch die Frage, ob das Erbe der Legende, die Herkules Aufgabe den Trainerstuhl Fergusons zu übernehmen, nicht doch zu groß für Moyes ist?

Bei genauerer Betrachtung jedoch lässt sich erkennen, dass die Arbeit die Moyes ablieferte, alles andere als schlecht war. Er übernahm eine Mannschaft die sich im Umbruch befand und immer noch befindet, er meisterte den Riesenwirbel um Wayne Rooney zu Saisonbeginn, lässt sich weiterhin nicht beirren und arbeitet akribisch am Erfolg. Der ehemalige Innenverteidiger hat jedoch ein riesiges Problem. Der Schatten Fergusons sucht ihn immer wieder heim. Zuletzt kam wieder einmal Unruhe ins Team, nachdem Fergusons Biographie veröffentlicht wurde.

Gott ist tot, nach ihm wird nicht mehr gesucht.

Das wäre der Idealzustand für Moyes, ein ruhiges Arbeitsklima ohne die ständigen Quervergleiche zu Ferguson. Doch dass diese paradiesische Situation nicht eintreten würde wusste er. Er wusste auch, dass er einen schwierigen Spagat zu meistern haben würde, den Spagat zwischen der eigenen Authentizität, dem Finden einer eigenen Spielphilosophie, und dem Erfüllen der Erwartungen dass sich der Status des Branchenprimus, wie unter Ferguson als zutreffend erweist, und nicht verändert.

Es bleibt zu hoffen, dass sich Old Trafford an den Gedanken gewöhnt ein Leben ohne den Sir zu führen, ein Leben dessen Stunde Null, dessen Geburtsjahr schwierig und steinig wird, ein Leben das jedoch wie jedes andere die Chance hat ein großartiges zu werden.

Denn die Ellipse Manchester United kann wieder zusammenwachsen. Sie braucht nur wie jede aufgerissene Wunde, wie jedes Fußballteam im Umbruch, Zeit. Zeit für den Trainer, Zeit für die Spieler, Zeit die die Fans ihnen geben können.
Denn es gilt auf ewig:
  „ It doesn’t matter who leaves, the name of Manchester United does not leave.“

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Der Ballon d'Or als logische Konsequenz.


VON JAWIN SCHELL:

Ein König? Ein König sieht anders aus. Denn es sind die Narben die einem an Franck Ribery als Erstes auffallen. Narben wie die eines alten Gladiators, eines kampferprobten Straßenhundes. Mit allen Wassern gewaschen, aggressiv und listig. 
Natürlich sind es keine verwachsenen Kampfblessuren, Ribery wurde als Kind in einen Autounfall  verwickelt.

Und trotzdem ist die Metapher vom Straßenhund, vom Underdog gar nicht so falsch. Die Narben erzählen seine Geschichte. 

Die Geschichte eines Mannes der ganz unten war, sich freikämpfte und  zum König Europas aufschwang. Eines Mannes der als Junge wegen seiner Schnittverletzungen im Gesicht gehänselt wurde und nur beim Fußball wirklich glücklich war, der aus einem sozial schwachen Elternhaus kam und das Internat des OSC Lille wegen schlechter Schulnoten verlassen musste. Eines Mannes der mit 20 Jahren trotz überragendem Talent unterklassig spielte, noch auf dem Bau malochen musste und erst ein Jahr später seinen ersten Profivertrag unterschrieb. Kurzum eines Mannes, der die Höhen und Täler die das Leben zu bieten hat bereits durchschritten hat. 
Er ist nicht den geraden Weg gegangen. Man sieht es in seinem Spiel. Es ist geprägt von Kraft, Wille und Wut. Denn Ribery überläuft seine Gegner nicht, er rennt sie in Grund und Boden, er kämpft um jeden Ball, nicht immer mit legalen Mitteln.

Manchmal schlägt er über die Stränge, hat nicht die volle Kontrolle über sich. 
Er ist und bleibt ein Hitzkopf, ein Junge von der Straße. Seine Gegenspieler wissen das, er wird oft gefoult, stetig provoziert. Ribery hat gelernt damit umzugehen, doch ab und zu schlagen die alten Beißreflexe durch. Der Außenstürmer ist aber mehr als ein Kämpfer von der Straße, kann durchaus elegant sein, denn er ist ein technisch hoch veranlagter Fußballer. 
Doch es ist vor allem die pure Wucht, das Tempo das ihn für den FC Bayern so unverzichtbar macht. Der Franzose scheint immer unter Strom zu stehen. Er will den Erfolg, der ihm so lange verwehrt bliebt, um jeden Preis. Er weiß er steht ihm zu. 

Worauf er jahrelang warten musste, hat sich für ihn in dieser Saison erfüllt. Nationale Meisterschaften und Pokale hatte er schon massig gewonnen, doch es war der Sieg im Champions League Finale, der ihn endgültig in die Beletage des internationalen Fußballs hievte. 
Er verwies bei der Wahl zu Europas Fußballer des Jahres die portugiesische Tormaschine Cristiano Ronaldo und den Dauer-Abonnenten auf den Sieg, Lionel Messi, auf die Plätze. Auch in Frankreich, wo er lange ungeliebt war, wo man ihm diverse Fehltritte nicht verzieh und die Fußstapfen des einzigartigen Zinedine Zidane für zu groß gehalten wurden, dominiert er das Spiel der Nationalmannschaft, ist regelmäßig wichtigster Mann. Seine Statistiken in der Bundesliga (138 Scorerpunkte in 164 Spielen) sind sowieso unantastbar. 

Frank Ribery scheint seinen Platz im Fußball und im Leben gefunden zu haben. Man merkt ihm diese Sicherheit an. Der quirlige Franzose war im letzen Jahr der prägende Fußballer weltweit, weder Messi noch Ronaldo konnten an seine Form heranreichen. Es war eine Saison ohne Fehl und Tadel. 
Der beste Spieler Europas ist „ König Franck“ nun schon. Im Januar 2014 wird der FIFA Ballon d’Or, die Auszeichnung zum Weltfußballer des Jahres, vergeben werden. 
Vielleicht wird Ribery dann vom „König Europas“ zum „ Herrscher der Welt“.
 Es würde ihm zustehen. Er hat es sich verdient. 

Dienstag, 22. Oktober 2013

Ein kleiner Schritt für uns, ein großer Schritt für die Menschheit.

Ihr wollt rasante Dribblings, Tiki-Taka-Passstafetten und Tore schön wie  Beethoven Sonaten?
Können wir euch leider nicht bieten.
Aber dafür haben wir zu den großen und kleinen Geschichten, die die Bundesliga und der internationale Fußball Woche für Woche produzieren, immer eine  Meinung und werden diese ab sofort auf diesem Wege mit voller Überzeugung kundtun.
Denn um es mit Rainer Bonhof zu halten:

"Fußball spielt sich zwischen den Ohren ab. Da war teilweise Brachland, das neu bepflanzt werden musste."
In diesem Fall übernehmen wir sehr gerne den Gärtnerjob.