Die Fußballsaison 2014/15 ist erst ein paar Wochen alt, aber
der Arsenal-Profi Mesut Özil steht schon wieder mehr im Fokus, als ihm lieb
sein kann. Drei Einsätze in der Premier League, einer in der Champions League
beim enttäuschenden 0:2 bei Borussia Dortmund. Seine Bilanz? Kein Tor, keine
Vorlage. Das ist natürlich wenig, vor allem, da sich die Anhänger der Gunners
nach Özils durchwachsenem ersten Premier-League-Jahr eine deutliche
Leistungssteigerung von Wengers Königstransfer des letzten Sommers erhofft
haben.
Aber Moment mal. War da nicht noch irgendwas? Achja,
zwischendurch ist Özil ja auch noch Weltmeister geworden. Mit Deutschland.
Stimmt ja. Aber er hat doch gar nichts gemacht, oder? Das Tor im Finale hat
Mario Götze geschossen, vorbereitet von André Schürrle. Den Cut unter dem Auge
hat sich Bastian Schweinsteiger abgeholt, und den Torrekord hat sich Miroslav
Klose gesichert. Portugals Verteidiger schrecken heute noch regelmäßig laut
schreiend aus dem Schlaf hoch, wenn sie von Thomas Müller träumen, und Karim
Benzema wirft seine Dartpfeile neuerdings auf ein Manuel Neuer-Plakat. Aber
Özil? Ja okay, der war halt dabei. Immer in der Startelf, ja, geschenkt. Wir
sind halt trotzdem Weltmeister geworden. Obwohl dieser, oft lethargisch
wirkende – hoppla, jetzt hätte ich doch tatsächlich fast „Türke“ geschrieben –
immer gespielt hat. So war es doch, oder?
Natürlich nicht. Denn wie etwa ein Benedikt Höwedes war Özil
ein fester Bestandteil einer funktionierenden Mannschaft, ohne ein Spiel im
Alleingang entschieden zu haben. Und wer sich mal die Mühe macht, sich ein paar
Zahlen anzusehen, stellt fest: Selbst wenn es kein herausragendes Turnier des
Mesut Özil war, keiner hat so viele Torschussvorlagen vorzuweisen, und über
keinen liefen, objektiv betrachtet, nach vorne mehr Aktionen, wenn auch nicht
immer die spielentscheidenden und auch nicht nur die gelungenen. Immer eine
Idee, fast nie ein Fehlpass, trotz stets riskanter Zuspiele vor allem in der
gegnerischen Hälfte.
Aber so etwas ist bei Özil eben Standard. Das macht er in
einem, nennen wir es „Formtief“. Da spielt er mal eben grundsolide in einer
Weltmeisterelf mit. Und muss sich Schelte von allen Ecken und Enden anhören. An
welchem Maßstab, bitteschön, wird dieser Kerl eigentlich gemessen?
Nun, er selbst hat die Messlatte einfach unglaublich hoch
gehängt. Keine zwei Jahre ist es her, dass ebenjener BVB im Estadio Santiago
Bernabeú zu Madrid für ein Champions League Gruppenspiel zu Gast war und dicht
vor einem sensationellen 2:1 Auswärtserfolg stand, als sich ebenjener Mesut
Özil den Ball schnappte und einen Freistoß aus 20 Metern zum 2:2 versenkte. In
Madrid liebten sie ihn. Hier hatte Özil die sportlich bisher besten drei Jahre
seiner Karriere. Ein Glanzlicht nach dem anderen, und eine Vorlage nach der
anderen. Nicht zuletzt der Nummer 10 mit seinem Namen auf dem wohl legendärsten
Trikot der Welt hat Özil seine 26 Millionen Facebook-Fans zu verdanken, mit
denen er alle anderen deutschen Weltmeister nach wie vor locker in die Tasche
steckt. Am Ende jagten sie ihn vom königlichen Hof, unter dem lauten Protest
der Anhänger und Özils bestem Flankenverwerter Cristiano Ronaldo – und für
schlappe 50 Millionen Euro.
Ganz Arsenal freute sich riesig, doch dieses verdammt
schwere Preisschild um den Hals scheint Özil zu hemmen. Die Medien freuen sich,
weil man auf ihm einfach so wunderbar, ungestraft und unobjektiv herumhacken
kann. Man braucht sich nur einmal die Bild-Noten des Spiels beim BVB
anzusehen. Die Arsenal-Spieler erhielten quasi durch die Bank weg Fünfen.
Mertesacker aber bekam eine milde 4 (weil er Deutscher ist?) und Özil natürlich
eine 6 – einfach nur, weil er Özil ist?
Am Ende wird es die Karriere des Mesut Özil abkönnen, dass
er zwei Jahre lang mal nur ein sehr guter Spieler gewesen ist, und kein
herausragender. Und noch halten sowohl Arsène Wenger, als auch Jogi Löw an Özil
fest, und das auch zurecht, denn sie wissen, was er kann. Es fragt sich nur,
wie lange tun sie das noch? Und um zu verhindern, im Haifischbecken
Profifußball unterzugehen und an der Häme der Massenmedien und der Stammtische
zu zerbrechen, sollte Mesut Özil jetzt dringend wieder anfangen zu liefern.
Oder mal etwas für sein Image tun. Oder, am besten: Beides.

